Skizzenbuch anfangen: Erst mal die schlechte Seite
Neue Bücher benehmen sich bei mir wie Prüfungsunterlagen. Deshalb beginne ich mit einem Gegenstand, den ich falsch zeichnen darf.
Ein neues Skizzenbuch bringt alles mit, was ich zum Nichtzeichnen brauche. Saubere Seiten, einen geraden Rücken und das Gefühl, dass man jetzt nichts Dummes hineinmachen sollte.
Ich lege es auf den Tisch und denke über die erste Seite nach. Dann über ein passendes Anfangsmotiv. Manchmal lege ich ein anderes Buch daneben, um zu prüfen, wie ich früher angefangen habe. Das ist ungefähr der Zeitpunkt, an dem ein ganzer Abend eine Verwaltungsaufgabe wird.
Inzwischen beginne ich mit einer schlechten Zeichnung. Nicht mit einer heimlich guten, die nur bescheiden vorgestellt wird. Ich suche mir eine Tasse oder einen Schuh und zeichne für ein paar Minuten, ohne die schiefe Stelle zu reparieren.
Die Tasse muss nichts beweisen
Ich stelle den Gegenstand hin, ziehe einen Umriss und lasse den Stift auf dem Papier, bis ich einmal um die Form herum bin. Wenn der Henkel zu niedrig sitzt, bleibt er dort. Ich schreibe das Datum und einen sachlichen Satz dazu: „Henkel auf Dienstreise.“
Das ist keine Methode, die für alle funktionieren muss. Mir hilft die kleine Begrenzung. Ich habe danach eine benutzte Seite statt einer Anlage, deren zukünftigen Wert ich verteidigen muss.
Für die nächste Zeichnung nehme ich ein Detail desselben Gegenstands. Nur den Henkel. Nur die Schuhspitze. So brauche ich keinen zweiten großen Entschluss.
Ideen liegen meistens schon auf dem Tisch
Wer nach Skizzenbuch-Ideen sucht, kann im eigenen Sichtfeld anfangen. Eine zerknitterte Papiertüte, ein Schlüssel, der Schatten eines Topfes. In meiner Bornheimer Wohnung reicht die Auswahl für längere Zeit. Den Zustand der Pflanzen rechne ich als zusätzliche Formenvielfalt.
Ich klebe gelegentlich auch einen misslungenen Ausdruck ein. Seit meinem abgetrennten Druckervogel bin ich in dieser Hinsicht weniger streng. Ein Buch, in dem etwas schiefgehen darf, nehme ich eher mit nach draußen.
Die Zeichnung muss später niemand sehen. Weder das Internet noch ein Vogel mit Klemmbrett hat Anspruch auf meine erste Seite.
Wenn das Buch einmal benutzt ist, passt es auch besser in die Tasche. Für den nächsten Schritt habe ich meine Routine fürs Zeichnen in Frankfurt notiert. Sie beginnt mit einer Bank und kommt ohne Zeugnis aus.
Meine aktuelle Tasse auf Seite eins ist so schief, dass ich den Kaffee darin nicht abstellen würde. Auf Seite zwei sitzt der Henkel bereits etwas höher. Das Buch hat den Vorgang ohne weitere Rückfragen angenommen.
