← Zurück zum Blatt

Fundbüro · NOTIZ VOM · LP-012

Comic zeichnen: vier Bilder und eine zu große Erklärung

Ein kleiner Comic braucht eine verständliche Veränderung. Bei mir braucht er außerdem jemanden, der die fünfte Erklärung wieder streicht.

Der Lokpfogel versucht, eine riesige Sprechblase durch einen kleinen Comicrahmen zu schieben; im letzten Bild hängt die leere Blase als Fenster über dem Vogel.
Die Erklärung passt nicht durch den Rahmen.
Bild 1: Eine Erklärung kommt an.
Eine Erklärung kommt an.
Bild 2: Sie passt nicht durch den Rahmen.
Sie passt nicht durch den Rahmen.
Bild 3: Auslagerung wird geprüft.
Auslagerung wird geprüft.
Bild 4: Endlich etwas Ruhe.
Endlich etwas Ruhe.

Für einen kurzen Comic zeichne ich zunächst vier leere Kästen. Das sieht schon nach einer gewissen Leistung aus. Es ist aber nur die Verpackung.

Danach schreibe ich in einem Satz auf, was passieren soll. Bei meinem Fundbüro-Comic war es: Ein Vogel will eine kleine Idee so gründlich erfassen, dass sie unter der Erfassung verschwindet.

Der Satz ist zum Arbeiten da. Er muss später nicht unter der Zeichnung stehen und sie noch einmal vollständig erklären.

Was zwischen den Bildern anders wird

Im ersten Bild brauche ich eine verständliche Ausgangslage. Ein Vogel, eine Schachtel, ein Zettel. Der Tisch muss keine aufwendige Perspektive haben. Wenn ich sofort eine Lampe und einen Kalender einfüge, kann ich mich eine Stunde mit Büroausstattung beschäftigen und den Comic trotzdem noch nicht angefangen haben.

Im zweiten Bild richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Zettel. Im dritten beginnt die übertriebene Lösung. Im vierten sehe ich, was diese Lösung angerichtet hat.

Vier Bilder sind eine brauchbare Übungsgröße, keine Vorschrift für jeden Witz. Manchmal ist der Vorgang in einem einzigen Bild klarer. Manchmal braucht eine Bewegung mehr Raum. Ich versuche nur, nicht für jeden zweiten Gedanken einen zusätzlichen Kasten anzubauen.

Derselbe Vogel bleibt derselbe Vogel

Die Figur muss zwischen den Bildern wiedererkennbar sein. Ich achte auf Mütze, Schnabel, Körperform und die kurzen Beine. Der Gesichtsausdruck darf sich ändern. Die Mütze sollte dagegen nicht plötzlich zu einem anderen Beruf gehören.

Bevor ich sauberer zeichne, lege ich die kleinen Entwürfe nebeneinander. Lässt sich die Handlung auch ohne Text verfolgen? Wandern Gegenstände unabsichtlich von einer Seite auf die andere? Schaue ich im entscheidenden Moment auf den Vogel oder auf das größte leere Formular?

Erst zeichnen, dann die Wörter bezahlen lassen

Ich schreibe anfangs oft zu viel. Der Vogel erklärt, was er vorhat, warum es nötig ist und welches Nebengebäude dafür zuständig sein könnte. Das ist ein Gespräch, das ich mit mir selbst führe. Leserinnen und Leser müssen nicht jedes Protokoll davon bekommen.

Wenn ich bei TITANIC Texte und Zeichnungen ansehe, interessiert mich, wie unterschiedlich kurz ein Einfall auftreten kann. Daraus nehme ich eine Frage mit, keine fremde Pointe: Welcher Teil ist schon im Bild zu sehen?

Eine Erklärung, die nichts mehr hinzufügt, streiche ich. Übrig bleiben die Wörter, die den Blick verschieben oder etwas sagen, das man nicht zeichnen kann. Bei meinem Fundbüro-Vogel war das letzte Formular wesentlich größer als sein Textbedarf.

Eine kleine Übung ohne große Vorgeschichte

Nimm einen Gegenstand, der gerade vor dir liegt. Gib einer Figur eine einfache Aufgabe damit. Lass sie eine umständliche Lösung versuchen und zeichne die sichtbare Folge. Ein Becher, ein Schlüssel oder ein Stück Papier genügt. Es muss keine überraschende Welt mit eigener Verwaltungsgeschichte erfunden werden.

Teste die Bilder zunächst klein und schlicht. Für den Blog ergänze ich eine Textfassung, damit die Handlung auch ohne das Bild verständlich bleibt. Auf dem Handy dürfen die vier Kästen untereinander stehen. Niemand soll für eine winzige Sprechblase eine Lupe brauchen.

Mein neuer Übungscomic handelt von einer viel zu großen Erklärung. Der Vogel schiebt die Sprechblase durch den Rahmen. Im letzten Bild hängt sie darüber wie ein offenes Fenster. Darunter sitzt er zum ersten Mal still.

Zeichnung

Originalgröße öffnen ↗